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In der Ziegenhaltung gibt es erwerbsorientierte Betriebe sowie viele Hobbyhalter. Alle Ziegen sind - wie diese Burenziege - aufmerksam und neugierig. Bild: Christine Kaiser
Die Ziegenhaltung hat in Deutschland eine eher untergeordnete Bedeutung. Etwa sechs Prozent der tierhaltenden Betriebe halten Ziegen. Ziegenhaltung ist vergleichsweise anspruchsvoll, da die Tiere hohe Ansprüche an die Haltungsumgebung und vor allem die Halterinnen und Halter haben. Im Vergleich standen mehr als 10 Millionen Rindern und 1,8 Millionen Schafen im Jahr 2023 162.600 Ziegen gegenüber. Für ökologische Betriebe kann die Milchziegenhaltung in Regionen mit Ziegenmilchmolkereien interessant sein.
Etwa 55.000 Ziegen werden in Deutschland auf biologisch wirtschaftenden Betrieben gehalten, das ist etwa ein Drittel des gesamten Ziegenbestandes. Ein Grund für den relativ hohen Anteil liegt darin, dass Ziegenmilch als Rohstoff für die Herstellung von laktosefreien Produkten benötigt wird. Ziegenfleischspielt in Deutschland keine große Rolle. Viele Betriebe haben Schwierigkeiten bei der Vermarktung der männlichen Kitze.
Ziegen gehören zu den ältesten wirtschaftlich genutzten Haustieren. In Deutschland wurde die "Kuh des kleinen Mannes" lange als Quelle für Fleisch und Milch genutzt und für viele Familien waren sie oft die einzige Eiweißquelle. Nach Recherchen der (Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V.) wurden um die 1920er Jahre in Deutschland circa 4,5 Millionen Ziegen gehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Ziegenhaltung an Bedeutung. 1977 war sie mit etwa 37.000 Tieren auf einem Tiefpunkt. Mittlerweile steigt die Zahl der Ziegen in Deutschland stetig an. Laut der Agrarstrukturerhebung wurden in Deutschland 2023 über 160.000 Ziegen auf etwa 10.300 Betrieben gehalten. Der Anteil am Gesamtviehbestand liegt damit bei etwa drei Prozent (Statistischer Bericht Destatis 2023). Damit ist die Zahl der Ziegen wieder leicht gestiegen gegenüber 154.000 Tieren 2020. Die meisten Ziegen leben in kleinen Beständen mit einem hohen Anteil an Hobbyhaltung.
Hintergrund der Statistik: In den Bundesländern erheben die Tierseuchenkassen, bei denen alle Tiere gemeldet werden, ihre regional erfassten Zahlen. Bei der Viehzählung alle zehn Jahre werden die Bestände bei den Betrieben abgefragt.
Bayern ist mit 38.000 Tieren das ziegenreichste Bundesland. Dann folgen Baden-Württemberg mit 33.650 sowie Niedersachsen mit 12.980 Ziegen. In Nordrhein-Westfalen wurden nach Destatis 2023 15.400 Ziegen in 940 Betrieben verzeichnet und NRW hätte damit Niedersachsen überholt. In NRW ist eine Zunahme bei Milchziegenbetrieben aufgrund der steigenden Nachfrage in den letzten Jahren zu verzeichnen.
Ziegen sind sehr eigenwillig und daher in der Haltung recht anspruchsvoll. Da die meisten Ziegenrassen Hörner tragen, birgt der Kontakt mit den Tieren auch Verletzungspotential. Keine Ziege ist wie die andere, denn die Tiere haben individuell stark ausgeprägte Verhaltensweisen und lernen schnell. Die wachsamen Kletterkünstler und bevorzugen höher gelegene Ruheplätze.
In Ziegenherden herrscht eine strenge Hierarchie. Bei Rangstreitigkeiten stoßen die Ziegen bevorzugt mit Kopf und Hörnern, was in der Milchziegenhaltung oft zu Verletzungen an den Eutern führt. Ziegen sind ausgeprägte Herdentiere. Sie suchen die Gesellschaft ihrer Artgenossen, anderer Tiere und der Menschen. Eine britische Studie hat herausgefunden, dass Ziegen - wie auch Hunde oder Pferde – ihre Halterinnen und Halter gut durchschauen können. An der Mimik erkennen sie ihre Stimmung.
Der Bundesverband Deutscher Ziegenzüchter e. V. (BDZ) führt insgesamt 24 Rassen. Über die Hälfte davon sind Milchziegenrassen. Die Produktion von Milch ist in der Ziegenhaltung die Hauptnutzungsrichtung. Daneben gibt es Fleischrassen, die vornehmlich in der Landschaftspflege eingesetzt werden. Die Wollproduktion hat bei uns keine große Bedeutung und beschränkt sich auf den Hobbybereich. Der BDZ führt nur zwei Wollziegenrassen: Angoraziege und Kaschmirziege. Anhand der erfassten Zuchtziegen zeigt sich, welche vier Rassen in Deutschland am bedeutendsten sind:
Über alle Rassen hinweg wird nur die Thüringer Wald Ziege in der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen als stark gefährdet eingestuft.
Die Produktion von Ziegenfleisch hat in Deutschland im Vergleich zu den anderen Fleischarten eine deutlich untergeordnete Bedeutung. Im Jahr 2020 lag die Zahl der gewerblichen Schlachtungen (Tiere in- und ausländischer Herkunft) bei 22.100 Ziegen, die Schlachtmenge betrug 410 Tonnen. Seit 2010 weisen die Daten immer wieder mäßige Schwankungen auf, größere Ausschläge wurden aber nicht beobachtet.
Der Konsum von Schaf- und Ziegenfleisch ist seit Jahren konstant: Im Jahr 2021 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei knapp einem Kilogramm. Gemessen am Gesamtfleischverbrauch Deutschlands entfiel nur gut ein Prozent auf Schaf- und Ziegenfleisch.
Der Import von Ziegenfleisch lag 2021 bei rund 118 Tonnen. Griechenland ist das wichtigste Herkunftsland, daneben noch Irland und Spanien. Ziegen- und Kitzfleisch sind mild, zart sowie fett- und cholesterinarm und gelten als Delikatesse.
In der Kulturlandschaftspflege werden zu Offenhaltung der Flächen hauptsächlich Fleischrassen eingesetzt. Entweder wird dabei mehr Wert auf Fleischansatz oder auf Landschaftspflege gelegt. In der Literatur ist manchmal auch von Erhaltungsrassen die Rede, die ursprünglich aus Milchziegenrassen gezüchtet wurden, aber heute aufgrund ihrer niedrigen Milchleistung als Landschaftspfleger fungieren.
Fleischziegen werde entweder gekoppelt oder in Hütehaltung zusammen mit Schafen gehalten. Vor allem in Süddeutschland sind Merinoschafherden im Verbund mit Burenziegen ein häufiges Bild.
Das hat seinen Grund, denn Ziegen haben ein anderes Fressverhalten als Schafe. Während Schafe sich hauptsächlich dem Grünaufwuchs widmen, sind Ziegen als reine Rasenmäher ungeeignet. Sie fressen zwar auch Gras und Kräuter, aber ihre Futterration kann zu 40 Prozent aus Laub bestehen. Dabei stellen sie sich geschickt auf ihre Hinterbeine und rasieren mit ihrem Maul Bäume bis zu einer Höhe von 1,80 Metern tellerartig ab. Außerdem sind sie wahre Spezialisten für Sträucher, Hecken und Brombeeren. Sie verbeißen sogar dorniges Gestrüpp wie Heckenrose, Berberitze, Schlehe oder Weißdorn.
Auf stark verbuschten Flächen kann nur noch ein reiner Ziegen-Trupp reinen Tisch machen, denn Schafe bewirken hier nichts mehr. Da sie gut klettern können, kommen sich zudem in schwer zu bewirtschafteten Hang- und Steillagen zum Einsatz.
Im Jahr 2020 wurden in Deutschland 33,2 Prozent der Ziegen in ökologisch wirtschaftenden Betrieben gehalten. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert (2010: 33,4 Prozent). Unter allen Nutztieren ist das mit Abstand der höchste Wert. Der Anteil der Ökobetriebe mit Ziegenhaltung lag 2020 bei 17,7 Prozent im Vergleich zu 14,3 Prozent im Jahr 2010. Auch das sind im Vergleich zu den anderen Nutztierarten Spitzenwerte.
Zum 1. März 2020 gab es bundesweit 1.850 landwirtschaftliche Betriebe mit Ziegenhaltung in ökologischer Wirtschaftsweise, die insgesamt 51.360 Ziegen hielten. Bayern weist mit 729 die meisten Betriebe auf, gefolgt von Baden-Württemberg (450) sowie Hessen (174).
In Deutschland gibt es schätzungsweise 300 erwerbsorientierte Milchziegenbetriebe. Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei etwa 630 Kilogramm pro Ziege und Jahr. Die meisten Milchziegenbetriebe wirtschaften ökologisch und liegen im süddeutschen Raum. Die Branche ist noch jung, wächst aber. Immer mehr Produkte aus Ziegenmilch erobern die Regale des Lebensmitteleinzelhandels. Ziegenmilch wird auch von Menschen mit Kuhmilchallergie vertragen. Weiter besteht eine große Nachfrage nach Ziegenmilchpulver für Säuglingsnahrung. Betriebe, die Molkereien beliefern, befinden sich in deren Umkreis. Laut Eurostat wurden den Molkereien in Deutschland 2018 rund 15.500 Tonnen Ziegenmilch zugeführt. Eine höhere Wertschöpfung verspricht die Vermarktung von Käse und Joghurt ab Hof. Der Anteil der Selbstvermarkter ist bei Ziegenbetrieben bis zu 50 Tieren am höchsten.
Im Vergleich zu anderen Produktionszweigen der Landwirtschaft spielt die Ziegenhaltung nur eine untergeordnete Rolle. Die wirtschaftliche Lage der Milchziegenbetriebe ist angespannt. Der durchschnittliche Preis für Ziegen- und Schafmilch in Deutschland ab Hof (netto, April 2020 bis April 2022, ökologische und konventionelle Wirtschaftsweise) liegt bei rund 71 Cent pro Kilogramm.
Für Ziegenbetriebe, die Molkereien beliefern, ist die derzeitige Situation ernüchternd. Je Kilogramm Milch bekommen sie etwa 93 Cent bei ökologischer Wirtschaftsweise. Sie benötigen jedoch einen Auszahlungspreis von deutlich über einem Euro, um rentabel wirtschaften zu können. Berechnungen des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) sowie der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen zufolge könnte ein Ziegenmilchbetrieb beim derzeitigen Auszahlungspreis von rund 93 Cent erst dann ein positives Ergebnis erwirtschaften, wenn er mehr als 400 Tiere hält. Das jedoch ist aufgrund der kleinstrukturierten, deutschen Ziegenhaltung wenig realistisch. Wer in die Milchziegenhaltung investieren möchte, sollte demnach gut kalkulieren. Das KTBL bietet hier einen kostenlosen Wirtschaftsrechner an.
Die Vermarktung der männlichen Kitze aus der erwerbsorientierten Milchziegenhaltung stellt ebenfalls ein großes Problem dar. Die Aufzucht lohnt sich nicht und die erwirtschafteten Erlöse decken oft nicht einmal die Kosten. In Süddeutschland etablieren die Vermarktungsprojekte "Allgoiß", "Zickensommer" und "Biolämmer von Schaf und Ziege" neue gemeinschaftliche Absatzwege und Wertschöpfungsketten für Bio-Kitzfleisch. Im Fokus stehen dabei Gastronomie sowie Lebensmitteleinzelhandel.
Wie bei der Kitzvermarktung wird auch beim Verkauf von Zuchttieren manchmal kein adäquater Preis erzielt.
Immerhin steigen die Erzeugerpreise: Das statistische Bundesamt berechnet Preisindizes und weist für Schafe und Ziegen im Jahr 2020 gestiegene Preise aus. Auch im ersten Halbjahr 2021 setzte sich dieser Trend fort. In der zweiten Jahreshälfte nahmen die Preise wieder ab und zeigten sich unbeständig. Für Februar 2021 wurde gegenüber dem Vorjahresmonat ein Plus von 12,3 Prozent verzeichnet.
Die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) spart Ziegen aus. Es gibt keine speziellen Abschnitte und daraus abgeleitete Verordnungen wie zum Beispiel für Kälber, Legehennen oder Schweine. Trotzdem gelten die allgemeinen Bestimmungen der TierSchNutztV sowie des Tierschutzgesetzes. Da viele Ziegenbetriebe einem ökologischen Verband angehören, sind weiter verbändespezifische Vorgaben sowie die EU-Öko-Basisverordnung samt Durchführungsbestimmungen relevant.
Letzte Aktualisierung 11.11.2022