Zukunftsfähige Haltungskonzepte für Sauen und Ferkel Zukunftsfähige Haltungskonzepte für Sauen und Ferkel

Zukunftsfähige Haltungskonzepte für Sauen und Ferkel

Wie sehen zukunftsfähige Stallkonzepte für Sauen und Ferkel aus und wie sind sie zu finanzieren? Das Bundeszentrum für Landwirtschaft (BZL) stellt in der Broschüre Gesamtbetriebliche Haltungskonzepte Schwein - Sauen und Ferkel - Haltungskonzepte für eine tiergerechtere Ferkelerzeugung und Ferkelaufzucht vor.

Die Schweinehaltung in Deutschland befindet sich weiter in Veränderung. Gefordert werden ein höheres Tierwohl-Niveau und stärkere Maßnahmen hinsichtlich Umwelt- und Klimaschutz. Diese Entwicklungen stellen Schweinehalterinnen und Schweinehalter vor große Herausforderung, denn vielerorts stehen Investionen in die bisherigen oder auch neue Haltungssysteme an.

Vorschläge für zukunftsfähige Ställe entwickelt

Fachleute der Landesanstalten, Landesämter und Landwirtschaftskammern aus ganz Deutschland haben sich ausgiebig damit beschäftigt, wie Haltungskonzepte für eine zukunftsfähige Sauenhaltung und Ferkelaufzucht aussehen könnten. Unterstützt wurden sie dabei vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL) und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft e. V. (DLG). Das Bundeszentrum für Landwirtschaft (BZL) hat dieses Fachwissen für Praktikerinnen und Praktiker in einer über 230-seitigen Broschüre aufbereitet, die beim BLE-Medienservice bestellt oder als PDF heruntergeladen werden kann. In der Broschüre finden sich 16 Planungsbeispiele für zukunftsfähige Tierwohlställe. Vier davon werden zusätzlich in anschaulichen Videos auf dem YouTube-Kanal des BZL vorgestellt.

BZL-Broschüre "Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Schwein - Sauen und Ferkel"

Zukunftsfähige Haltungssysteme für die Sauenhaltung und Ferkelaufzucht müssen stärker die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigen. Gleichzeitig müssen sie klimaschonend und wettbewerbsfähig sein. Eine bundesweit zusammengesetzte Expertengruppe hat dazu Lösungsansätze erarbeitet. Die Broschüre bietet konkrete Handlungsempfehlungen für Praxis, Beratung und Bildung.

BLE-Medienservice: GHK Schwein - Sauen und Ferkel

Was macht Haltungskonzepte für Sauen und Ferkel zukunftsfähig?

Die Basis aller zukunftsfähigen Stallmodelle ist ein höheres Platzangebot. Im Schnitt gehen die Kalkulationsbeispiele der Experten in der Ferkelerzeugung von einer 80-prozentigen Erhöhung des Platzangebots im Vergleich zum derzeitigen Standard aus. Wird zusätzlich noch ein Auslauf angeboten, erhöht sich die Fläche um 133 Prozent. Bei der Ferkelaufzucht ist es etwas anders. Haltungen mit Auslauf bieten den Ferkeln doppelt so viel Platz wie der bisherige Standard. Ohne Auslauf sind es 20 Prozent weniger. 

Das höhere Platzangebot soll den Tieren das Ausleben arttypischer Verhaltensweisen erleichtern. Weitere Maßnahmen sollen das Tierwohl zusätzlich verbessern. Zum Beispiel sollen Decksauen in Gruppen gehalten werden und die Haltungsdauer in den Kastenständen deutlich reduziert werden – so wie es die novellierte Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung nach Ablauf der mehrjährigen Fristen zur Umstellung vorsieht.

Wichtig ist auch die Buchtstruktur. Sie ermöglicht die Trennung der Funktionsbereiche Ruhen, Fressen und Ausscheiden voneinander. Von Bedeutung ist auch der Einsatz von verzehrbarem organischem Material zur Beschäftigung und die Verabreichung von rohfaserreichen Futterrationen. Dadurch können Verhaltensauffälligkeiten vermindert und Aggressivität in den Gruppen reduziert werden, ohne dabei die Leistungen der Tiere zu verringern. Die Faserstoffe haben außerdem eine positive Wirkung auf die Darmgesundheit der Tiere.

Einige der vorgestellten Stallmodelle sind mit einem Auslauf ausgestattet. Er verschafft den Schweinen zusätzlichen Raum und bietet ihnen die Möglichkeit, sich dem Außenklima mit der jahreszeitlich unterschiedlichen Temperatur, mit Luftfeuchtigkeit und dem Sonnenlicht auseinanderzusetzen. Der Auslauf – innen- oder außenliegend – kann dabei überdacht, teilweise überdacht oder offen gestaltet sein.

Neubau oft unumgänglich

Sollen die neuen Haltungskonzepte umgesetzt werden, raten die Expertinnen und Experten meist zu einem Neubau. Denn die Buchten müssen strukturiert und mit entsprechender Technik für Tränken und Fütterung versehen werden. Für die Einbringung und Dosierung von Beschäftigungsmaterial und Einstreu braucht es neue Technik. Auch können neue Entmistungssysteme erforderlich werden.

Zusätzlicher Arbeitszeitbedarf

Mit den neuen Haltungskonzepten kommt laut des Expertenteams ein zusätzlicher Arbeitszeitbedarf auf die Ferkelerzeugung und Aufzucht zu. Es geht davon aus, dass sich die Arbeitszeit im Vergleich zum derzeitigen Standard um 50 Prozent erhöht. In der Ferkelerzeugung muss mit etwa 3,65 Arbeitskraftstunden (AKh) mehr je produktive Sau und Jahr gerechnet werden. Für Betriebe mit Ferkelaufzucht erhöht sich der Arbeitszeitbedarf um etwa 0,37 AKh je Tierplatz und Jahr, was ebenfalls einer Mehrarbeit von 50 Prozent entspricht. 

Zukunftsfähige Ställe kosten mehr als der bisherige Standard

Die beschriebenen baulich-technischen Veränderungen sowie der zusätzliche Platz- und Arbeitszeitbedarf verursachen zum Teil erhebliche Mehrkosten. In der Ferkelerzeugung können sich der Expertinnen und Experten der BZL-Broschüre zufolge die Kosten um bis zu 544 Euro je Sauenplatz und Jahr erhöhen (Stand 2022). 

Detaillierte und aktuelle Informationen zu den Kosten bietet das Interaktive Kalkulations- und Informationssystem zu Tierwohl, Umweltwirkung und Ökonomie von zukunftsfähigen Tierhaltungsverfahren (InKalkTier) des KTBL.


KTBL: Webanwendung InkalkTier

 

Emissionen erschweren Standortfindung

Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist davon auszugehen, dass die auftretenden Emissionen in Außenklimaställen mit freier Lüftung und Auslauf höher sind als die aus zwangsgelüfteten Ställen. Daher müssen zu sensiblen Gebieten wie etwa Wald oder Wohngebieten höhere Abstände eingehalten werden als bei konventionellen Ställen. Dies macht die Standortwahl schwerer und teurer.

Auch das Genehmigungsverfahren kann aufwändiger sein, weil durch einen größeren Einwirkungsbereich potentiell mehr Fremdbetriebe als Vorbelastung bei der Beurteilung der Umwelteinwirkungen zu berücksichtigen sind. Dabei gibt es bislang keinen Bonus für besonders tiergerechte Ställe oder Öko-Ställe – sie werden genauso wie konventionelle beurteilt.

Das Bundeskabinett hat allerdings Ende Juni 2021 einer Änderung der Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft) zugestimmt. Diese Verwaltungsvorschrift regelt unter anderem die zulässigen Emissionen und Immissionen von Luftschadstoffen aus genehmigungsbedürftigen Anlagen der Nutztierhaltung. Nach novellierter TA Luft sollen Tierwohlställe zukünftig niedrigere Emissionsauflagen erfüllen müssen.

Offene Ställe bergen andere Risiken

Offene Ställe ohne rundherum geschlossene Wände sind nach Meinung der Expertinnen und Experten der BZL-Broschüre kritischer im Hinblick auf Hygiene zu sehen als geschlossene Ställe. Schadnager, Vögel oder Wild- und Haustiere können leichter in den Tierbereich gelangen und die Schweine mit zum Teil auch lebensmittelrechtlich kritischen Erregern und Parasiten in Kontakt bringen. Auch durch eine aufwändige und teure Einfriedung der Stallungen wird dieses Risiko nicht völlig auszuschalten sein. Behördlicherseits und seitens der abnehmenden Hand muss man sich dieser Tatsachen bewusst sein und konstruktive und faire Lösungen anstreben.

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