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Züchtung gegen Ebergeruch ist möglich, da dieser auch genetisch bedingt ist. Bild: bortonia/DigitalVision Vectors via GettyImages
Das Merkmal Ebergeruch lässt sich züchterisch bearbeiten und minimieren. Angesichts der aktuell geringen wirtschaftlichen Bedeutung der Ebermast in Deutschland ist die Nachfrage nach geruchsarmer Genetik aber gering.
Mit Inkrafttreten des im Tierschutzgesetz 2013 aufgenommenen Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration zum 1. Januar 2021 ist die Ebermast als eine Alternative in den Fokus gerückt. Es wurde verstärkt nach züchterischen Lösungen gesucht, mit denen sich die Geruchsabweichungen im Eberfleisch minimieren lassen. Verschiedene wissenschaftliche Arbeiten und Projekte beschäftigen sich mit dieser Thematik
Den Start bildete 2011 das Projekt Strat-E-Ger (Strategien zur Vermeidung von Geruchsabweichungen bei der Mast unkastrierter männlicher Schweine). Hierbei wurde eine Bestandserhebung zur Problematik des Ebergeruchs bei der Rasse Piétrain durchgeführt.
Piétrain-Eber aus möglichst vielen Familien wurden an Testherden angepaart, um anschließend nahezu 1.000 Masteber in deutschen Prüfstationen unter standardisierten Bedingungen zu mästen und zu schlachten. Von diesen Ebern wurden im Anschluss Speckproben genommen und auf die für den Ebergeruch maßgeblichen Leitsubstanzen Skatol, Indol und Androstenon getestet.
Aus diesen Ergebnissen entwickelten Wissenschaftler der Universität Bonn eine BLUP-Zuchtwertschätzung (von engl. Best Linear UnbiasedPrediction, deutsch: Beste, lineare, unverzerrte Schätzung, ein statistisches Verfahren zur Zuchtwertschätzung). Diese wurde von diesem Zeitpunkt an für Selektionsmaßnahmen und Anpaarungsvorgaben genutzt - unter anderem im German Piétrain-Zuchtprogramm.
Im Jahr 2015 startete das Folgeprojekt EN-Z-EMA (Elektronische Nase-Zucht-Ebermast), bei dem nochmals über 3000 unkastrierte Eber aus Mastanpaarungen unter Stations- und unter Praxisbedingungen gemästet wurden. Im Rahmen des Projektes wurde nach relevanten genetischen Markern wie SNPs (von engl. Single Nucleotide Polymorphism, deutsch Einzelnukleotid-Polymorphismus, SNPs sind vererbbare genetische Varianten) gesucht und darauf aufbauend eine genomische Zuchtwertschätzung gegen Ebergeruch entwickelt. Im German Piétrain-Zuchtprogramm wird diese Zuchtwertschätzung bereits seit Januar 2018 als Routineverfahren genutzt.
Im Projekt „G-I-FER“ (Genomische Indikatoren für Ebergeruch, Fruchtbarkeit und Robustheit in Landrasse- und Edelschweinpopulationen) beschäftigten sich Genetiker mit den Zusammenhängen zwischen der Selektion gegen das Merkmal Ebergeruch in Mutterlinien und ihren (negativen) Auswirkungen auf Fruchtbarkeit, Robustheit und Vitalität der Schweine.
Im Jahr 2018 initiierten die Landesanstalt für Schweinezucht Boxberg, das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg und die German Genetic-Gruppe gemeinsam mit weiteren Partnern aus der Wirtschaft ein Projekt der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) "Verzicht auf die Kastration beim Schwein - Einführung und Etablierung der Ebermast in die Wertschöpfungskette Schweinefleisch". In dem Projekt wurden Daten zum Thema Ebergeruch in der gesamten Produktionskette - von der Nukleuszucht über den Mastbetrieb bis hin zur Verarbeitung - erhoben und für Zuchtwertschätzverfahren und Selektionsmaßnahmen genutzt.
Neuere Forschung zielt auf die Erfassung genomweiter SNP-Informationen für die genomische Selektion, da eine polygenetische Natur des Ebergeruch-Phänotyps nachgewiesen wurde. Außerdem wurden in den letzten Jahren epigenetische Studien durchgeführt, die helfen sollen, die Mechanismen hinter Unterschieden in der Genexpression zu verstehen.
Die Androstenon-, Skatol- und Indolkonzentration im Fleisch der Tiere haben eine hohe bis mittlere Heritabilität. Heritabilität ist ein Maß für die Vererbbarkeit. Sie kann Werte zwischen 0 und 1 annehmen.
Heritabilitäten sind populationsspezifisch. Bei Mutterrassen sind höhere Androstenon- und Skatolwerte festgestellt worden. Beispielsweise schätzte Frieden (2013) eine hohe Erblichkeit von 0,6 für Androstenon und mittlere Erblichkeiten von 0,43 für Skatol und 0,32 für Indol anhand vorliegender Daten von Mastendprodukten aus Piétrain und Kreuzungssau. Brinke et al. (2020) ermittelten Erblichkeiten von 0,5 für Androstenon und 0,52 für Skatol bei der Deutschen Landrasse, Erblichkeiten von 0,39 für Androstenon und 0,32 für Skatol bei Deutschen Edelschweinen.
Skatol und Indol können stärker durch Umweltfaktoren wie Fütterung, Haltung und Hygienemanagement beeinflusst werden.
Aufgrund der Heritabilität der Ebergeruchskomponenten ist eine Zucht gegen Ebergeruch gut möglich. Allerdings dürfen die wechselseitigen genetischen Beziehungen, also die Korrelationen, zwischen dem Merkmal Ebergeruch und den väterlichen und mütterlichen Fruchtbarkeitsmerkmalen sowie den Fleischleistungsmerkmalen nicht außer Acht gelassen werden.
Zum Teil existieren antagonistische Beziehungen, die einen Zuchtfortschritt erschweren. Dies trifft beispielsweise auf den Androstenongehalt und das Erstferkelalter zu. So besteht die Möglichkeit, dass sich das Erstferkelalter bei Linien mit geringem Androstenongehalt erhöht. Grundsätzlich kann der Anteil geruchsauffälliger Eber in relativ kurzer Zeit stark reduziert werden, auch unter der Voraussetzung, dass 70 Prozent des Zuchterfolges in den übrigen Zuchtzielmerkmalen erhalten bleiben.
Ein kombinierter Selektionsindex, der die Ebergeruchskomponente einschließt, wird empfohlen.
Alle züchterischen Maßnahmen gegen den Ebergeruch zielen auf die Zucht von Schweinen ab, die wenig Androstenon und Skatol bilden und nur wenig von diesen Stoffen im Fett einlagern beziehungsweise die Geruchsstoffe über die Leber verstärkt abbauen. Zu den züchterischen Maßnahmen zählen die gezielte Anpaarung mit ausgesuchten Eberlinien sowie die genomische Selektion.
In der klassischen Zucht wählt man die Eltern der nächsten Generation aufgrund ihrer Eigenleistungen aus. Bei Merkmalen mit einer hohen Erblichkeit funktioniert das prinzipiell sehr gut, so auch beim Ebergeruch. Es ist bekannt, dass vor allem die Androstenongehalte rassen- und linienspezifisch variieren und dass sie sich über eine gezielte Anpaarung von Sauen mit Ebern ausgesuchter Linien wirkungsvoll beeinflussen lassen. So bilden beispielsweise die Eber der Rasse Duroc tendenziell mehr Androstenon als Piétrain-Eber. Dies könnte damit zusammenhängen, dass magere Rassen wie das Piétrain-Schwein über einen höheren Fettumsatz verfügen und damit über ein höheres Potenzial zum Abbau unerwünschter Stoffe. Auch die Früh- oder Spätreife einer Rasse hat Einfluss auf den Fettumsatz im Stoffwechsel. Frühreife Rassen haben mehr Zeit, Geruchsstoffe im Körperfett einzulagern (siehe Tabelle 1).
| Merkmal | Einheit | Duroc x Kreuzungssau | Piétrain-Kreuzungssau |
|---|---|---|---|
| Fleischanteil Bauch | % | 59,2 | 62,2 |
| Ausschlachtung | % | 76,3 | 78,1 |
| Rückenspeckdicke | cm | 1,8 | 1,7 |
| Tageszunahme | g | 1008 | 829 |
| Futterverwertung | kg | 2,11 | 2,25 |
| Intramuskulärer Fettgehalt | % | 1,64 | 0,9 |
| pH1 Kotelett | 6,34 | 6,18 | |
| Androstenon | ng/g Fett | 1003 | 337 |
| Skatol | ng/g Fett | 213 | 244 |
| Indol | ng/g Fett | 62 | 60 |
| pH1: pH-Wert, gemessen 40 bis 45 Minuten nach der Schlachtung. Quelle: Frieden L. (2013): Züchterische Möglichkeiten zur Reduktion von geschlechtsbedingten Geruchsabweichungen am Schlachtkörper von männlichen, unkastrierten Mastschweinen. Dissertation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. | |||
Der Großteil der Forschungsarbeiten zum Thema Zucht gegen Ebergeruch konzentrierte sich vordergründig auf die genomische Selektion. Hierbei wird der Zuchtwert eines Tieres aus seinen Erbanlagen – den Genen – abgeleitet.
Um den Ebergeruch mit Hilfe der genomischen Selektion beeinflussen zu können, müssen im Erbmaterial der Tiere zunächst diejenigen Bereiche identifiziert werden, die für die Geruchsabweichungen durch Skatol- und Androstenonkonzentrationen verantwortlich sind: die sogenannten genetischen Marker.
Sogenannte QTLs wurden für Androstenon und Skatol hauptsächlich auf den Chromosomen 6, 7 und 14 festgestellt. QTL ist die Abkürzung für Quantitative Trait Loci. Sie bezeichnet einen Ort im Genom, der ein oder mehrere Gene enthält, die an der Ausprägung eines quantitativen Merkmals beteiligt sind.
In einer aufwendigen statistischen Analyse wird für jeden dieser Marker sein Anteil am Zuchtwert geschätzt. Aus der Summe aller Marker-Effekte wird dann der genomische Zuchtwert eines Tieres berechnet. Die Sicherheit dieses Wertes ist von der Anzahl Halb- und Vollgeschwister sowie gegebenenfalls von den Nachkommen der Besamungseber abhängig. Zuchtunternehmen geben die Genauigkeiten aller in der genomischen Zuchtwertschätzung verrechneten Tiere mit 70 Prozent an.
Die Marker können bereits beim Jungtier oder mittlerweile sogar bei einem Embryo bestimmt werden. So ist es möglich, sofort nach der Geburt einen genomischen Zuchtwert zu schätzen. Spitzenvererber können frühzeitig erkannt und Negativvererber frühzeitig herausgefiltert werden, noch bevor sie in den Einsatz gehen.
Um die Vorteile der genomischen Selektion für die Schweinezucht nutzen zu können, muss ein kontinuierliches System aus Genotypisierung, Leistungsprüfung und Zuchtwertschätzung etabliert werden. Denn genomische Informationen zahlen sich nur dann aus, wenn sie in Kombination mit einer ausreichenden Anzahl genauer Leistungsdaten aus der realen Produktionsumwelt genutzt und immer wieder aktualisiert werden.
In die Zucht gegen Ebergeruch wurde in den vergangenen Jahren viel Hoffnung gesetzt. Alle wichtigen internationalen Zuchtunternehmen integrierten die Reduzierung der Geruchsproblematik in ihre Programme. Sie boten zertifizierte Ebertypen an, die sich bei gleichbleibenden sonstigen wirtschaftlich relevanten Parametern in der Vererbung von Ebergeruch an ihre Söhne entscheidend vom Durchschnitt der Population abhoben.
Nachkommen von zertifizierten Ebertypen wurden an den Schlachthöfen zunächst gern angenommen und gut bezahlt. Mit der Zeit sanken die Nachfrage und das Interesse an geruchsarmen Endstufenebern jedoch, weil ihre Vermarktung zu wenig Wertschöpfung versprach. Geruchsarme Tiere wurden am Schlachtband nicht honoriert und „Stinker“ wurden nicht bestraft. Dazu kommt, dass eine vollständige Reduktion des Ebergeruchs nicht möglich ist. Außerdem nehmen die Schlachthöfe Masteber nur in begrenztem Ausmaß an, weil sie aufgrund der Eberfleisch- und -fettqualität vor besonderen Herausforderungen bei der Verarbeitung und Vermarktung stehen.
Die Zuchtunternehmen sehen sich aktuell mit einer geringen Nachfrage nach geruchsarmer Genetik konfrontiert. Infolgedessen hat die Zucht gegen Ebergeruch aktuell rein wirtschaftlich betrachtet für die Zuchtunternehmen kaum Relevanz. Es gilt das Niveau des erzielten Zuchtfortschritts der vergangenen Jahre beizubehalten. Der Rückblick auf das Erreichte und die erwiesenen Möglichkeiten gegen Ebergeruch züchten zu können, werden dennoch sehr positiv gesehen.
Topigs Norsvin berücksichtigt das Merkmal Ebergeruch im Selektionsindex des TN Select. Ziel ist, den in den vergangenen Jahren erzielten Zuchtfortschritt in diesem Merkmal auf dem erreichten Niveau konstant zu halten. Die zugrunde liegende Leistungsprüfung durch den Human Nose Score, eine sensorische Bewertung des Ebergeruchs durch geschultes Personal, ist aktuell eingestellt. BHZP GmbH (Bundes Hybrid Zucht Programm) hat mit ihrem db.7711 eine Auswahl geruchsarmer Eber im Angebot. Die German Genetic-Gruppe bietet seit dem Jahr 2014 die Eber-Variante Inodorus an, aktuell unter dem Markenlabel Inodorus 2.0. Die genomische Zuchtwertschätzung wird aktuell noch durchgeführt, die Leistungsprüfung durch Analyse von Speckproben auf Androstenon und Skatol wurde eingestellt.
Für den Human Nose Score untersucht geschultes Personal Fettproben von unkastrierten männlichen Schweinen auf Ebergeruch. Dazu wird das Fett mittels Lötkolben für kurze Zeit erhitzt und anschließend auf einer Skala von 0 = geruchsunauffällig bis 4 = stark geruchsauffällig bewertet.
Letzte Aktualisierung 30.04.2026