Zwischenkalbezeit verlängern?Zwischenkalbezeit verlängern?

Zwischenkalbezeit und Laktationsdauer neu denken?

Eine verlängerte Laktationsdauer für hochleistende Milchkühe kann aus Sicht der Tiergesundheit, der Fruchtbarkeit und der Ökonomie eine sinnvolle Alternative sein.

Als eines der Hauptziele vieler Milchviehbetriebe galt lange, dass eine gesunde und fruchtbare Kuh jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen sollte. Nach der Geburt ihres Kalbes wollte man die Kuh möglichst schnell wieder tragend bekommen. Die Vorteile hierfür lagen auf der Hand: Bei einer kurzen Zwischenkalbezeit gebiert eine Kuh - über die Lebenszeit gerechnet - mehr Kälber und erzielt höhere Milchleistungen. Doch ist diese Zielstellung auch für heutige Hochleistungskühe noch zutreffend? Ist es wirklich ein Nachteil, wenn Kühe nach dem Kalben erst später wieder tragend werden? Aktuelle Studien kommen hier zu anderen Ergebnissen.

Leistungsfähigkeit und Nutzungsdauer beeinflussen das wirtschaftliche Ergebnis von Milchviehbetrieben am stärksten

Experten der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern wiesen anhand von Betriebszweigauswertungen von Referenzbetrieben der Landesforschungsanstalt nach, dass längere Zwischenkalbezeiten nicht unrentabel sein müssen. In ihren Berechnungen betrachteten die Fachleute circa 26.000 Kühe, die wenigstens drei Kalbungen erlebt hatten.

Das Ergebnis ihrer Erhebungen: Kühe, die mit 341 bis 370 Tagen kalbten, gaben innerhalb von 42 Monaten Nutzungsdauer rund 31.000 Kilogramm Milch. Bei Kühen, die eine um neun Monate längere Nutzungsdauer und ein höheres Kalbeintervall vorzuweisen hatten, waren es rund 39.000 Kilogramm Milch. Das wirkte sich auch auf die Lebensproduktivität der Tiere aus: Kühe mit einer Zwischenkalbezeit von 341 bis 370 Tagen erzeugten je Lebenstag 15,0 Kilogramm Milch, Tiere mit einer längeren Pause hingegen 16,7 Kilogramm Milch.

Die ökonomische Bewertung der Leistungen und Kosten von Tieren mit unterschiedlichen Zwischenkalbezeiten zeigte, dass der Gewinn gesteigert werden kann, wenn den Kühen längere Ruhphasen zugestanden werden. Außerdem scheint ein betriebswirtschaftliches Optimum für die Dauer der Zwischenkalbezeit zu existieren, dass je nach Leistungsfähigkeit der Kuh unterschiedlich ausfällt. Kühe mit einer 305-Tageleistung unter 9.000 Kilogramm sind am rentabelsten, wenn sie jedes Jahr ein Kalb bekommen. Im Leistungsbereich bis 10.000 Kilogramm führt eine längere Pause von maximal zwei Zyklen zu einer längeren Nutzungsdauer und zu einem höheren Einkommen für den Landwirt. Kühen mit noch höheren Laktationsleistungen sollten mehr als 100 Tage Ruhepause nach der Kalbung gegönnt werden, bevor sie wieder besamt werden.

Nach Einschätzung der Fachleute der Mecklenburger Landesforschungsanstalt haben mehrere Faktoren Einfluss auf die Höhe des Deckungsbeitrages. Dazu zählen die Milcherlöse, die Kälber- und Altkuherlöse sowie die Remontierungs-, Besamungs- und Tierarztkosten: Aufgrund der höheren Geburten- und Remontierungsrate sind bei kürzeren Zwischenkalbezeiten zwar höhere Kälber- und Altkuherlöse zu verzeichnen als bei längeren Zwischenkalbezeiten, die Remontierungs-, Besamungs- und Tierarztkosten liegen jedoch um ein Vielfaches höher.

Bei der Mecklenburger Studie zeigte sich, dass der Deckungsbeitrag pro Kuh und Jahr umso höher war, je länger die Zwischenkalbezeit einer Hochleistungskuh (305-Tageleistung von mehr als 10.000 Kilogramm) gedauert hatte. Die Schlussfolgerung der Experten lautet deshalb: Beim gegenwärtigen Leistungsniveau beeinflussen Leistungsfähigkeit und Nutzungsdauer die Wirtschaftlichkeit einer Herde viel stärker als die Zwischenkalbezeit oder die Anzahl zu vermarktender Kälber.

Deckungsbeiträge in Abhängigkeit von der Zwischenkalbezeit und der 305-Tageleistung (Euro pro Stallplatz)

Milchleistung (kg)Zwischenkalbezeit (Tage)
 <340340-370371-400401-430431-460>460
<8.000215325308304296294
>8.000-9.000336500463463466398
<9.000-10.000567566572533526459
>10.000-11.000601649674688673569
Quelle: Harms, J., Römer, A., Boldt, A.: Je Kuh und Jahr ein Kalb – Ist das noch ökonomisch und aus Sicht des Tierwohls sinnvoll?, Mitteilungen der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei, Heft 60, 2018, S. 46 ff. 

Weniger kritische Phasen durch längere Zwischenkalbezeiten

Auch aus Sicht der Tiergesundheit und der Ethik ist eine Verlängerung der Zwischenkalbezeit von Vorteil. Denn längere Zwischenkalbezeiten bedeuten auch weniger Abkalbungen im Leben einer Kuh und damit weniger kritische Phasen, die mit Gesundheitsrisiken einhergehen können. Neben den Gefahren einer möglichen Schwer- oder auch Totgeburt sorgt das Abkalben in immer kürzeren Abständen für eine hohe Beanspruchung des Stoffwechsels und verursacht damit möglicherweise Stoffwechselerkrankungen.

Ein weiteres Problem sind die sehr hohen Milchleistungen von mehr als 20 Litern pro Tag, die hochleistende Milchkühe zum Zeitpunkt des Trockenstellens noch produzieren. Das Risiko dieser Tiere, an Euterentzündungen (zum Beispiel Mastitis) zu erkranken, ist sehr hoch. Außerdem wird das genetisch vorhandene Leistungspotenzial der Tiere bei kurzen Zwischenkalbezeiten nicht voll ausgeschöpft.

Besser freiwillig länger warten?

Weil viele Hochleistungskühe nach der Geburt eines Kalbes schwerer tragend werden, gelten sie häufiger als unfruchtbar und müssen den Milchviehbetrieb aufgrund von (scheinbarer) Unfruchtbarkeit verlassen. Das führt zu einer verringerten Nutzungsdauer dieser Kühe. Dabei wird häufig vergessen, dass der Zyklus bei Milchkühen, die eine hohe 100-Tage-Leistung aufzuweisen haben (Milchleistung in den ersten 100 Tagen nach der Geburt eines Kalbes), verzögert eintritt, weil sich die Gebärmutter bei diesen Tieren oft noch nicht vollständig zurückgebildet hat. Fachleute empfehlen,

  • das Management so zu gestalten, das leichte und saubere Geburten sichergestellt werden. Wenn Geburtshilfe geleistet werden muss, sollte sie immer sauber und ohne Verletzungen für Kuh und Kalb geschehen. Der Geburtsverlauf ist äußerst wichtig für die Fruchtbarkeit in der nächsten Laktation.
  • den Kühen in den ersten sieben Tagen nach der Geburt regelmäßig die Körpertemperatur zu messen. Sie sollte über 38,5 Grad Celsius und unter 39 Grad Celsius liegen.
  • die Gesundheit der Tiere im Auge zu behalten. Insbesondere folgende Krankheiten spielen in Bezug auf die Fruchtbarkeit von Milchkühen eine Rolle: Milchfieber, Nachgeburtsverhalten, Gebärmutterentzündungen, Ketosen, Labmagenverlagerungen, Lahmheiten und Euterentzündungen.
  • Eine zu starke und zu lang andauernde niedrige Energiebilanz zu vermeiden. Tiere mit einer niedrigen Energiebilanz zeigen keine Brunst, ihr Eisprung erfolgt erst viel später nach der Geburt.
  • eine genaue Brunstbeobachtung durchzuführen und jede Brunst lückenlos zu dokumentieren, um eventuell auftretende Gebärmutterentzündungen oder Veränderungen an den Eierstöcken behandeln zu können.
  • die Tiere schon vor dem Besamungszeitpunkt gynäkologisch zu untersuchen, um sicherzustellen, dass die Tiere besamungsbereit sind.
  • Stress in Milchviehherden so weit wie möglich zu vermeiden, da sich dieser negativ auf das Fruchtbarkeitsgeschehen bei Milchkühen auswirkt.
  • Kühe mit einem Tagesgemelk von mehr als 35 Kilogramm Milch generell noch nicht zu belegen.

Sollten Milchviehhalter also lieber freiwillig längere Zwischenkalbezeiten einplanen, um zu vermeiden, dass Kühe mit sehr hohem Leistungspotenzial vorzeitig ausgepowert werden?

Fachleute warnen davor, einen bewusst verzögerten Besamungsbeginn als Freifahrtschein für Nachlässigkeiten im Fruchtbarkeitsmanagement von hochleistenden Milchviehherden zu betrachten. Nach ihrer Einschätzung bietet eine Verlängerung der Zwischenkalbezeit jedoch viele Chancen zur Verbesserung der Fruchtbarkeitsergebnisse in Milchviehherden. Die Experten raten zu betriebsspezifischen Zwischenkalbezeiten, die jeder Milchviehhalter seinem Betriebskonzept (laufend) anpassen muss. In seine Entscheidung sollten die Persistenz der Milchleistung der Herde (Milchleistungskurve) und damit das Tagesgemelk beim Trockenstellen mit einfließen.

Letzte Aktualisierung 18.07.2024

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